Boston Public Library, da bin ich...!

 

Das ist sie also: die Boston Public Library! - Teil 1

 

Die BPL wurde 1848 gegründet und hat auf dem Gebiet des öffentlichen Bibliotheks- bzw. Büchereiwesens wahrlich Pionierarbeit geleistet: sie gilt als die erste öffentlich zugängliche städtische Bibliothek der USA, die aus öffentlichen Mitteln unterhalten wurde (und größtenteils immer noch wird) und die BesucherInnen aller Gesellschaftsschichten erstmalig erlaubte, Bücher ohne Gebühren auszuleihen und daheim (statt nur im Lesesaal) zu lesen.

Bei der Eröffnung des gegenwärtigen Gebäudes am Copley Square 1895 konnte die BPL sogar mit einem eigenem und designierten Raum für Kinder aufwarten, eine absolute Neuheit!

Bereits 1870 konnte die BPL als weltweit erste Bibliothek auch schon mit einer Zweigstelle und einem entsprechendem Zweigstellensystem aufwarten. Bis 1900 sollten nämlich noch 21 weitere Zweigstelle folgen und heute verfügt die BPL neben der Central Library (der Zentrale) über insgesamt 25 Zweigstellen in den unterschiedlichsten Bezirken und Einzugsgebieten.

 

Die Central Library besteht bzw. umfasst heute 2 Gebäude:

* das 1895 eröffnete McKim-Gebäude, das von Charles Follen McKim entworfen wurde und das den wissenschaftlichen Archiv- und Forschungsbereich abdeckt und

* das 1972 errichtete Johnson-Gebäude, das von Philip Johnson entworfen wurde und als öffentliche Bücherei sowie sozialer (Lern)Ort verstanden wird

 

McKim Building McKim und Johnson Building Johnson Building

                  McKim Building                           McKim und Johnson Building                        Johnson Building

 

 

Beide Gebäude zusammen (aka Central Library) beherbergen auf über 86.000 m² mehr als 24 Millionen Objekte (darunter Bücher, AV-Medien, Fotografien und historische Landkarten, Handschriften und mittelalterliche Manuskripte, Inkunabeln, Briefe, bundesstaatliche und staatliche Regierungsdokumente, Drucke, Gemälde, Zeichnungen und sonstige Artefakte) und können zusammen mit den Zweigstellen knapp 4 Millionen BesucherInnen jährlich vor Ort verbuchen.

 

Besonders stolz ist man auf Erstausgaben von William Shakespeares, Werke von Daniel Defoe, die mehr als 3800 Bände umfassende private Bibliothek des amerikanischen Präsidenten John Adams, historische Dokumente zum Thema Abolitionismus (die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei) und dem Amerikanischem Bürgerkrieg, naturwissenschaftliche Traktate und Originalnotenblätter von Händel, Haydn, Mozart und Prokofiev...

Eine noch größere Menge an archivierten Werken findet man der American Library Association / ALA zufolge nur noch in der Library of Congress in Washington.

 

Doch kommen wir wieder nach Boston zurück:

McKim konzipierte die Bibliothek als „palace for the people“, ließ sich von italienischen Palazzi der Renaissance beeinflussen und entwarf das Gebäude in Folge im Stil der Beaux-Arts-Architektur und der American Renaissance. Er ließ darüber hinaus über dem Hauptportal „free to all“, das Motto der BPL, einmeißeln, um zu betonen, dass die Bibliothek jedem Menschen gleichermaßen, ungeachtet des Geschlechts, der ethnischen Herkunft, der Nationalität oder des Glaubens offenstehen würde.

 

  McKim Building   Free to All

 

Weiters ließ er in der Fassade zahlreiche prominente Namen auf den Gebieten der (Buch)Kunst, Literatur, Philosophie, Politik, Religion und Wissenschaft verewigen...

 

 prominent names prominent names  prominent names  prominent names

 

Das Hauptportal beeindruckt mit wahrlich raumgreifenden gusseisernen Kandelabern und den flatternden Sternenbannern (ich habe inzwischen aufgehört die Flaggen zu zählen, die hier überall zu sehen sind)...

 

Portal  Portal  Kandelaber

 

Die Eingangshalle mit ihren Bogengängen, Gewölben und Säulen wirkt trotz des vielen Marmors und Sandsteins hell, filigran, freundlich und einladend. Also lasse ich mich nicht abschrecken und betrete die heiligen Hallen... Ich muss dabei ziemlich aufpassen, wo ich hintrete, damit ich die zahlreichen verspielten Details auf Boden (z.B. Stern- und Tierkreiszeichen) und Decke (prominente „Bostonians“) nicht übersehe...

 

Bodendetail  Eingangshalle  Deckendetail

 

Als zusätzliches Security-Personal entdecke ich zwei imposante Löwen aus Siena-Marmor, die im großen Stiegenhaus darüber wachen, wer hier so alles vorbeikommt... eigentlich dienen sie als Mahnmal bzw. zum Gedenken an gefallene Soldaten... apropos: die Löwen konnten nicht mehr rechtzeitig vor der großen Eröffnung auf Hochglanz poliert werden (das ganze Stiegenhaus strahlt und blitzt nämlich...) und so müssen sie seit damals matt (aber sichtbar nicht ermattet) Wache halten...

 

Löwe  Löwe

Löwe

 

Allerdings soll es Glück bringen, den Löwen an bestimmten Stellen zu reiben und daran glauben anscheinend viele BesucherInnen, denn beide Löwen haben auffallend funkelnde, polierte und scheinende Pfoten...

 

Nach etlichen Streicheleinheiten (und einer großen Portion Glück für weitere Unternehmungen), komme ich einen Stock höher bei den Musen an. Ganz schön beeindruckend, wenn man bedenkt, dass der dafür zuständige Künstler, Puvis de Chavannes, hochbetagt in seinem Pariser Atelier nach einem maßstabsgetreuen Modell und mit passendem gelben Muster-Marmor gesessen, geplant und gemalt hat und alle Wandbilder nach Boston geschickt und vor Ort affichiert werden mussten...

Musen       Musen

 

Lustig finde ich, dass bei den Musen der griechischen Mythologie und deren Betätigungsfeldern auch Strommasten zu sehen sind (damit sollte der Fortschritt der Physik in Bezug auf den damals noch argwöhnisch beäugten elektrischen Strom und das Telefonwesen symbolisiert werden)...

 

Physik  Physik

 

Daher finde ich es absolut passend, dass der Mann im Rahmen seiner Zukunftsvisionen, seine Musen mit Laptop und Handy ausgestattet hat... ;o)

Muse mit Laptop  Muse mit Handy

Schmunzelnd geht’s nun in den „Abbey Room“, den Raum, in dem man früher seine Buchbestellung abgegeben und dann auf markierten Sitzen gewartet hat, bis das gewünschte Buch ausgehoben und einem an seinem Sitzplatz übergeben wurde. Der dafür zuständige Künstler war ein amerikanischer Maler namens Edwin Austin Abbey. Der Saal und vor allem die Decke wurden der Decke der Bibliothek im Dogenpalast von Venedig nachempfunden und während man wartete, konnte man sich in die Geschichte rund um Galahad, den Ritter der Tafelrunde und seinen „Quest of the Holy Grail“, vertiefen.

 

Abbey Room  Galahad

 

Nach dem „Abbey Room“ gelange ich endlich in die berühmt berüchtigte „Bates Hall“: den Lesesaal, der nach dem ersten Wohltäter der BPL, Joshua Bates, benannt ist. Bates ließ der BPL sowohl finanzielle Hilfe als auch Buchspenden und detaillierte Listen mit zu kaufenden Büchern zukommen. Angeblich soll er auch die ersten grün beschirmten Bibliothekslampen gesponsert haben, die in der Presse liebevoll „fireflies“ aka „Glühwürmchen“ genannt wurden. Der Saal erstreckt sich über die gesamte Front des Gebäudes, d.h. er ist 66 Meter lang, knapp 13 Meter breit und 15 Meter hoch.

 

   

 

Drinnen ist es still (alle lesen konzentriert), draußen regnet es; das leise Tröpfeln an den Fensterscheiben wirkt beruhigend und meditativ, die grünen Lampenschirme geben ein gemütlich Licht ab...

Eigentlich will ich hier noch ein wenig länger verweilen, aber wie heißt es so treffend in dem Gedicht "Stopping by Woods on a Snowy Evening" von Robert Frost (der übrigens 1963 hier in Boston verstorben ist):

 

„but I have promises to keep, and miles to go before I sleep

 

Bates Hall

 

 

© Text und Fotos: Martina Lammel

Reise: 

Kommentare

Danke für die tollen Fotos und die genaue Beobachtung! Ich schwanke gerade zwischen sehnsüchtiger Ehrfurcht und blankem Neid angesichts dieser Wunder... *schmacht* vielen, vielen Dank, dass du uns so teilhaben lässt!

Danke, es ist echt toll hier... ich absolviere Learning Classes, bin in verschiedenen Buch Clubs und eile von Veranstaltung zu Veranstaltung... Für einen Foto- bzw "Washabichalleserlebt"-Abend bräuchten wir ein paar Urlaubstage... ;o) GlG, Martina

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